Zu Besuch bei Hosniyh im Hausaufgabentreff

von 03. 06. 2020Allgemein

Mathematik und Physik, das ist die Welt der 29-jährigen Hosniyh. Hier fühlt sie sich sicher, denn diese Fächer hat sie in ihrer Heimat, in Afghanistan, studiert. Fünf Jahre arbeitete sie dort als Lehrerin, dann kam die Flucht und mit ihr viel Unsicherheit. „Werde ich schnell und gut genug Deutsch lernen, um in Deutschland auch beruflich einen neuen Anfang machen zu können“, ist nur eine von vielen Fragen, die der jungen Frau auf der Seele brennen.

In ihrem Element

Heute ist ihr erster Einsatz als Ehrenamtlerin bei der Haus­aufgabe­nhilfe. Aufgeregt sei sie und habe Angst, dass ihre Deutschkenntnisse nicht ausreichen, um den Schülerinnen und Schülern überhaupt etwas beizubringen. Aber kaum sitzt die junge Afghanin am Schreibtisch, ist die anfängliche Unsicherheit wie weggeblasen. Über das Hausaufgabenheft der Oberstufenschülerin Andrea gebeugt, wird Hosniyh plötzlich zur selbstbewussten Lehrerin. Sofort versteht sie, worum es der 17-jährigen Schülerin geht, die Schwierigkeiten mit einer Funktions­gleichung hat. Achselzuckend zeigt Andrea der neuen Nachhilfe­lehrerin ihre Hausaufgaben und hängt an deren Lippen, als sie, wenn auch sehr langsam und in gebrochenem Deutsch, erklärt, wie die Formel zu lösen ist.

Mit strahlenden Augen meint Hosniyh: „Physik und Mathematik sind weltweit gleich. Es gibt nur eine Formel, nur eine Lösung.“

Bei der Hausaufgabenhilfe des Jugendmigrationsdienstes (JMD) IN VIA arbeiten alle Nachhilfelehrerinnen und -lehrer ehrenamtlich. Bisher sind es meist Deutsche, die sich an jeweils zwei Nachmittagen in der Woche um die Schülerinnen und Schüler des Bezirks Harburg kümmern. Die Meisten Jugendlichen, die hier herkommen, sind versetzungsgefährdet und nutzen die kostenlose Nachhilfe, viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund und brauchen Unterstützung, um im Unterricht mitkommen zu können.

Die Schülerin Andrea ist eine von ihnen. Sie kommt seit drei Jahren mehrmals in der Woche hierher, weil sie in den Fächern Mathematik, Physik und Chemie Unterstützung benötigt, um ihr Abitur zu schaffen. Über die neue Lehrerin freut sich die Schülerin: „Ich finde das super nett, dass sie mir freiwillig hilft! Wenn sie später an einer Schule hier in Deutschland unterrichten möchte, dann kann sie an mir schonmal üben“, lacht sie.

„Das ist wirklich das, was die Menschen brauchen“

Und genau das ist Hosniyhs großer Traum, als Mathematik- und Physiklehrerin in Deutschland arbeiten zu können. Für diesen Traum gibt sie vollen Einsatz, bemerkt auch Merle Duchstein, Leiterin der Hausaufgabenhilfe beim JMD: „Da steckt einfach so eine große Menge an Eigenmotivation dahinter. Natürlich müssen wir schauen, wie es sich entwickelt, aber ich glaube, sie passt gut hier her.“
Die Sozialpädagogin ist sich sicher, dass die Arbeit der MITmacher, die Geflüchtete und Migranten wie Hosniyh ins Ehrenamt vermitteln, genau am richtigen Punkt ansetzt. Sie hat im Rahmen ihrer Arbeit mit vielen Menschen in Flüchtlingsunterkünften gesprochen und dabei immer wieder den Satz gehört: „Ich brauche eine Aufgabe!“ Einen Ort zu haben, an dem man gebraucht wird, an dem man zusätzlich zu den Deutschkursen die Sprache lernt, Teil der deutschen Gesellschaft ist, das „ist wirklich das, was diese Menschen brauchen“.

INFO ZUM ARTIKEL

Foto und Text wurden im Jahr 2019 erstellt.

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